Shenmue III REVIEW

Das Filme und Bücher nach Jahrzehnten noch eine Fortsetzung erhalten und ihre begonnene Geschichte weitererzählen, findet im interaktiven Medium nahezu nicht statt. Insofern ist Shenmue III eine Besonderheit, die es so noch nicht gegeben hat. Ganze 18 Jahre nachdem der zweite Teil des Action-Adventures auf der Sega Dreamcast bzw. Xbox mit einem riesigen Cliffhanger endete und die Reihe aufgrund nicht erfüllter Verkaufserwartungen beerdigt wurde, wird die Reise von Ryo Hazuki nun nämlich doch noch fortgeführt und knüpft genau da an, wo vor beinahe zwei Jahrzehnten das vorzeitige Ende eingeläutet wurde.

1987. Guilin, China.

Endlich angekommen! Nach mehreren Monaten der Reise erreicht Ryo Hazuki endlich die chinesische Provinz Guilin. Nach wie vor ist der junge Japaner auf der Suche nach Lan Di, der Ryos Vater kaltblütig ermordet hat. Unlängst ist aus dem Wunsch nach Rache aber auch eine Suche nach Antworten auf ganz andere Fragen geworden. Welches Geheimnis verbarg Ryo´s Vater? Was hat es mit den Drachen- und Phönix-Spiegeln auf sich, die sich im Besitz von Ryo´s Vater befunden haben und nun zum einen Teil (Drachen-Spiegel) bei Lan Di und zum anderen Teil (Phönix-Spiegel) bei Ryo befinden? Welches Schicksal muss Ryo erfüllen und wie passt in all das die junge Shenhua, jenes Mädchen, von dem Ryo schon lange geträumt hat und die wiederum die Ankunft Ryo´s in ihre Heimatdorf selbst vorausgesehen hat und offenbar mehr weiß, als sie zugibt?

Fast zwei Jahrzehnte mussten Yu Suzuki, der Vater von Shenmue und ehemaliger Star-Entwickler bei Sega, Ryo und Spieler weltweit auf die Fortführung der als großes Epos angelegten Geschichte warten. Schon von Anfang an war geplant, die Geschichte in Form von regelmäßig erscheinenden Episoden fortzuführen und das zu einer Zeit, in der das Episodenformat im Medium Videospiel noch lange nicht selbstverständlich war. Das sollte übrigens nicht die einzige Innovation sein, mit der die Reihe nachhaltig Eindruck auf andere Spiele und deren Entwickler haben sollte. Open World, Lebenssimulation, NPCs, die einem individuellen Tagesablauf nachgehen, cineastische Stilmittel – Shenmue hat enorm viel vorweggenommen und das moderne Videospiel immens geprägt. Kein Wunder also, dass Fans weltweit ausgerastet sind, als Suzuki im Rahmen der Sony Pressekonferenz auf der E3 2015 die Kickstarter-Kampagne von Shenmue III angekündigt und in Rekordzeit finanziert bekommen hat. Nach einer holprigen Entwicklung, mehreren Verschiebungen und einigen Missverständnissen in der Kommunikation sowie im Nachhinein vielleicht nicht ganz klugen Entscheidungen der Offiziellen, setzt Ryo seine Reise nun also fort.

Aus der Zeit gefallen

Das die Geschichte nahtlos ans Ende des Vorgängers anknüpft, es keine Exposition der zuvor etablierten Figuren und Ereignisse gibt, macht bereits klar, für wen das Spiel gemacht wurde. Zwar gibt es eine rund fünf-minütige Zusammenfassung der ersten beiden Spiele, aber selbst diese richtet sich eher an Vertraute, die noch einmal das bisher Geschehene auffrischen wollen, als an Neueinsteiger. Meine Empfehlung: wer ein ernsthaftes Interesse an dem Franchise hegt, spielt zuerst Shenmue und Shenmue II. Diese gibt es mittlerweile in einer HD-Collection für PlayStation 4, Xbox One und PC und ist somit für aktuelle Plattformen verfügbar. Und wer noch nie etwas mit der Reihe anfangen konnte, der wird auch mit Teil 3 nicht bekehrt.

Erschwerend für Neueinsteiger würde ohnehin der Umstand hinzukommen, dass sich Shenmue III anfühlt als wäre es Anfang der 2000er Jahre entwickelt, aber nie veröffentlicht worden. Als Verfechter der Theorie, dass gutes Gamedesign nicht altert, muss selbst ich als Fan aber anerkennen, dass Shenmue eigenwillig ist und sich auch nicht immer bemüht große Überzeugungsarbeit für den eigenen Ansatz zu leisten. Umso höher rechne ich es Suzuki an, dass er seiner Vision von einst treu geblieben ist.

Excuse me. Have you seen…?

Das macht der Spieleinstieg bereits deutlich. Statt Antworten auf Fragen zu erhalten, die Ryo und Spieler nun seit knapp 20 Jahren beschäftigen, werden neue Fässer aufgemacht. Denn obwohl Shenhua Ryo erwartet hat, hält sie keine neuen Informationen für den Japaner bereit. Allerdings soll ihr Vater Ryo weiterhelfen können. Pech nur, dass dieser kürzlich verschwunden ist. Da ebenfalls erst vor kurzem Schläger in Bailu, dem beschaulichen Heimatdörfchen der beiden, aufgetaucht sind, kann man natürlich schnell eins und eins zusammenzählen. Ryo, wie er nun einmal ist, braucht hingegen etwas länger und fragt sich daher erst einmal durch die Anwohner. Und so verbringt man einen Großteil des Spieles.

Außenstehende wundern sich oft, was eigentlich die Faszination der Reihe ausmacht. Wo liegt der Spaß an einem Spiel, welches vergleichsweise wenig Action bietet, dafür aber mit viel Leerlauf, teils absurd gemeinen Quests (versucht mal 2000 Yuan in einer Welt aufzutreiben, in der man für zwei Minuten Holzhacken kaum 60 Yuan zusammenbekommt) und seltsamen Designentscheidungen kokettiert. Für mich ist es vor allem ein Querschnitt aus dieser besonderen Atmosphäre, die so kein anderes Spiel bietet, den Figuren, der im Kern zwar simplen, aber doch spannenden Geschichte und den immensen Ambitionen der Entwickler, die bei mir eine regelrechte Faszination an der Reihe auslöst.

Coming home

Als ich das erste Mal die Kontrolle von Ryo übernommen und meine ersten Schritte in Bailu gemacht habe, hat sich das ein bisschen wie nach Hause kommen angefühlt. Es ist schlicht bemerkenswert, wie sehr sich Shenmue III nach Shenmue anfühlt, obwohl so viele Jahre zwischen den Spielen liegen. Das auf der Unreal Engine 4 fußende Grafikgerüst entschuldigt die lange Wartezeit stellenweise mit atemberaubend schönen Momente. Insbesondere die Lichtstimmung und das Flair des ländlichen Chinas, ist den Entwicklern phänomenal gelungen. Bailu hat sofort ein ähnliches Gefühl in mir erzeugt, wie einst Yokosuka im ersten Teil, ein Gefühl von Heimeligkeit, von Vertrautheit. Im Gegensatz dazu steht der zweite Schauplatz Niaowu, eine Hafenstadt mit unzähligen Läden, Tempeln, Treppen und Wasser. Und obwohl auch Niaowu an sich stimmungsvoll gestaltet ist, zeigen sich hier auch die Grenzen des Budgets.

Während die beiden Dreamcast-Vorgänger über das höchste Budget eines Videospiels ihrer Zeit verfügten, mussten Suzuki und sein Team für Shenmue III mit einem Bruchteil des Geldes haushalten. Das ist ihnen mal mehr, mal weniger gut gelungen. Steife Animationen, aufpoppende Grafiken und Figuren sowie einer in Sachen Komplexität wesentlich reduzierteren KI sind das Resultat. Während in Shenmue und Teil 2 jede Figur einen eigenen Tagesablauf hatte, trifft man NPCs jetzt häufig den ganzen Tag an der gleichen Stelle an. Hier merkt man aber erst einmal, wie fantastisch es den Vorgängern gelungen ist die Illusion einer organischen Welt zu schaffen, in der unabhängig von den Tätigkeiten des Spielers Dinge geschehen.

Aufstehen, trainieren, Geld verdienen, schlafen gehen

An anderer Stelle wurde ich immer wieder überrascht, wie viele Systeme es in Shenmue III gibt. Man kann sich die Zeit und das hart erarbeitete Geld wieder in Spielhallen vertrödeln und dort aus den Vorgängern bekannte und neue Minispiele zocken. Ebenso kann man sich an unzähligen Glücksspielen versuchen. Auch Angeln hat es als Nebenbeschäftigung ins Spiel geschafft. Wichtiger als eh und je ist das stetige Training. Nur auf diese Weise kann man Gesundheit und Angriffskraft erhöhen. Für mehr Lebensenergie betätigt man sich an Holzpuppen, für mehr Wucht in den Fäusten bestreitet Ryo Trainingskämpfe in Dojos. Dies macht aber nur Sinn, solange man Angriffe verwendet, die man noch nicht gemeistert hat. Erneut lernt man neue Attacken mit Schriftrollen, die man mal für das Erledigen von Quests, in der Regel aber gegen den Tausch von Items oder für Geld erhält.

Das Kampfsystem ist an die Vorgänger angelehnt und hat aufgrund der riesigen Bandbreite an verschiedenen Angriffen mit je eigenständigen Tastenkombinationen auch eine angenehme Tiefe. Zwischen den eigenen Schlägen und Tritten, kann man auch Blocken und Ausweichen. Das Kämpfen fühlt sich leider klobig an und und lässt so manche Feinheiten der Vorgänger, die in dieser Hinsicht auch schon nicht perfekt waren, außer acht. Kommt man erst einmal darauf, dass man gegen die meisten Gegner ganz gut ankommt, indem man wild auf die Knöpfe haut, dann verlieren die Auseinandersetzungen zunehmend ihren Reiz. Gerade hier hätte das Spiel noch einiges an Feinschliff gebraucht und ich hoffe, sofern es einen Nachfolger geben wird, dass Suzuki und Co. die Möglichkeit und das Geld bekommen, um die Kämpfe so zu gestalten, wie sie gedacht sind: als leicht abgespeckte Variante von Virtua Fighter.

Pro & Kontra

thumbs-up-icon

Pro
  • Rückkehr in eine faszinierende Spielwelt
  • ursprüngliche Vision nach wie vor spür- und erlebbar
  • tolle Lichtstimmung

thumbs-down-icon

Kontra
  • klobiges Kampfsystem
  • Budget bedingte Einsparungen bei Grafik

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Spiel Bewertung
Singleplayer
80
80
Okay
-
Multiplayer

FAZIT

Shenmue III ist wie ein alter Freund, den man nach vielen Jahren zum ersten Mal wiedersieht. Immer wieder wurde ich an schöne Momente erinnert, immer wieder stellten sich mir aber auch der bekannte Frust und Unmut über die ein oder andere Unzugänglichkeit und Designentscheidung in den Weg. Manche Dinge, wie das nicht runde Kampfsystem und und grafische Defizite, lassen sich mit dem Budget erklären. Andere Dinge, wie das kaputte Wirtschaftssystem innerhalb des Spieles, welches mich dazu nötigt Tausende von Yuan aufzutreiben ohne mir Möglichkeiten zu geben, dies in einer einigermaßen akzeptablen Zeit zu bewerkstelligen, stellen sich als frustrierend raus. Das fühlt sich eher nach Spielzeitstreckung an, als nach wirklich sinnvoller Aufgabenstellung. Und dennoch hatte ich großen Spaß mit Shenmue III. Ryo wiederzusehen, endlich Shenhua besser kennenzulernen, dem Mysterium um Lan Di ein wenig, wenn auch nicht viel, näher zu kommen, an Holzpuppen trainieren und neue Techniken erlernen und die den Spielen so typische Stimmung aufzusaugen – all das hat mich mehr als ein Mal versöhnt.

- Von  Adrian

Playstation 4
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