Harveys neue Augen REVIEW

Adventure-Fans wissen längst: Daedalic ist kein Geheimtipp mehr. Die deutsche Videospielfirma, die sich erst vor knapp mehr als einem Jahrzehnt gründete, ist insbesondere in diesem Genre zu einem Schwergewicht herangewachsen und überzeugte mit ebenso kreativen wie skurrilen Adenture-Titeln. Edna bricht aus oder Deponia dürften die prominentesten Vertreter dieser Spieleschmiede darstellen.

Mit Harveys neue Augen, das im heutigen Review zur Debatte steht, erschien bereits 2011 der Nachfolger des erstgenannten Titels. Jetzt, acht Jahre später, folgt auch die Portierung des Spiels für Nintendos Switch. Wie also schlägt sich das Adventure auf Nintendos Hybrid-Konsole?

Brave kleine Lilli

Wie eingangs erwähnt, handelt es sich bei Harveys neue Augen um den Nachfolgetitel des Adventures Edna bricht aus – aber keine Sorge: Auch wenn ihr den Vorgänger noch nicht kennt, werdet ihr keine Probleme mit dem Verständnis dieses doch eher eigenständigen Spiels haben. Vielmehr handelt es sich um losgelöste Videospiele, die aber in derselben Welt angesiedelt sind.

Die titelgebende Edna des Vorgängers tritt auch in Harveys neue Augen auf, übernimmt aber nur eine Nebenrolle als Mitschülerin und beste Freundin der Protagonistin Lilli. Bei Lilli handelt es sich um ein kleines, süßes Mädchen mit blonden Zöpfen, das eingangs vom Erzähler als das „bravste Mädchen der ganzen Welt“ eingeführt wird, während sie mit ihrer Unschuldsmiene im Hof ihrer Klosterschule Laub harkt. Freundlich, unbeschwert und vor allem sehr gelungen führt euch der Erzähler bei sanfter, beinahe melancholischer Hintergrundmusik, die bereits in einem längeren und ebenfalls gelungenen Intro zu hören war, in Lillis Lebensumstände ein. Wie dieses schüchterne Mädchen, das auch im weiteren Spielverlauf kaum mehr als eine einzelne Silbe in Dialogen hervorbringen kann, bevor es unterbrochen wird, so im Hof steht, Laub harkt und von der Oberin Ignatz drangsaliert wird, manifestiert sich der Eindruck eines Trickfilms zur Nachmittagszeit auf dem Kinderkanal. Diese Charakterzeichnungen, die Musik und die freundliche Stimme des Erzählers geben hier ein absolut stimmiges Gesamtbild ab, das sich in seiner Friedfertigkeit aber schon sehr bald als vollkommen trügerisch erweisen wird.

Dunkle Wolken über dem Kloster

Was muss denn jetzt einem solchen Mädchen wie Lilli widerfahren, dass es sich als Protagonistin in einem Videospiel wiederfindet? Ganz einfach: Immer wieder passieren schlimme Dinge – zumindest behauptet das die tyrannisch angehauchte Oberin Ignatz – weshalb der versammelten Klosterschule eine härtere Gangart angekündigt wird. So wird außerdem der sagenumwobene Dr. Marcel angekündigt, um seine revolutionären Erziehungsmaßnahmen in der Schule anzusetzen – ausgerechnet jener Dr. Marcel, aus dessen Klinik Edna in der Vergangenheit ausbrechen musste und der unaussprechlich böse sein soll! Keine Frage: Lilli muss ihrer Freundin Edna helfen, nicht nur jegliche Spuren ihrer Anwesenheit in der Klosterschule zu beseitigen, sondern darüber hinaus auch dabei, ihren Fluchtplan zu verwirklichen.

Und so steuert ihr euch mit dem Stick zunächst über das Klostergelände, löst in typischer Adventure-Manier Rätsel, sammelt Gegenstände ein, die ihr teilweise miteinander kombinieren oder auf die Einrichtung eurer Umgebung anwenden müsst, um voranzukommen, oder tretet anderen Charakteren in Dialogen gegenüber. In diesem Fall ist der Begriff „Dialog“ aber womöglich auch etwas irreführend – wie erwähnt spricht Lilli selbst im Grunde kein einziges Wort, weshalb es vor allem der Erzähler und die anderen Charaktere sind, die sprechen. Dabei erfahrt ihr bald auch, dass dieses Unschuldslamm Lilli überaus unbeliebt zu sein scheint und auf seine Mitschüler bisweilen eine fast gruselige Wirkung hat. Auch die kleinen Andeutungen des Erzählers, beispielsweise über die Stimmen in Lillis Kopf, lassen Böses erahnen und sind dabei urkomisch.

Sehr früh macht euch Harves neue Augen klar: All dieses friedfertige Gehabe ist vollkommener Mist und lediglich ein bitterböses, schwarzhumoriges Stilmittel. Die „schlimmen Dinge“, die im Kloster gelegentlich passieren, häufen sich im zunehmenden Verlauf des ersten Kapitels doch sehr und die so unschuldig und brav wirkende Lilli steht seltsamerweise meist im Mittelpunkt. Während ihr ganz anständig eure Rätsel zu lösen versucht und dabei vom stets fröhlich und freundlich bleibenden Erzähler ermutigt werdet, wird das süße Mädchen mit den blonden Zöpfen ganz nebenbei zur Massenmörderin. Und die Art und Weise, wie sie das wird – offenbar ganz ohne böse Absichten und immer mit einem unschuldigen Kichern in der Kehle – ist ganz einfach verdammt lustig für jeden, der sich für einen derart schwarzen Humor begeistern kann.

Mehr als nur eine Story?

Bislang habe ich recht wenige Worte über Spielmechanik oder Gameplay verloren – für ein Review an sich unüblich, aber für Harveys neue Augen definitiv passend: Größter Trumpf dieses Titels ist in jedem Fall die Story und vor allem, wie sie erzählt wird. Darum ist es auch unabdingbar, ein Freund schwarzen Humors zu sein, um dieses Spiel so richtig lieben zu können. Dann aber – da könnt ihr euch ziemlich sicher sein – werdet ihr mit Harveys neue Augen alles richtig machen.

Dennoch dürfen Spielmechanik und Gameplay natürlich nicht außer Acht gelassen werden. Das Grundprinzip solcher Point-and-Click-Adventures wurde erwähnt und dürfte auch weitgehend bekannt sein. Die Qualitätsfrage solcher Adventures stellt sich abseits der Story dann vor allem anhand der Qualität der Rätsel, mit denen ihr konfrontiert werdet. Hier lassen sich durchaus Schwankungen beobachten: Während insbesondere die erste Spielhälfte noch etwas offener gestaltet ist, sodass unterschiedliche Schauplätze aufgesucht und Handlungsoptionen und Gegenstände geprüft werden müssen, nimmt diese Offenheit in der zweiten Spielhälfte etwas ab und die Linearität zu. Dabei muss festgehalten werden, dass im Vergleich zu anderen Genrevertretern – man denke an Ron Gilbert-Titel wie Monkey Island oder Thimbleweed Park – ohnehin schon eine größere Linearität zu verzeichnen ist. Das bedeutet konkret, dass sich viel mehr Rätsel durch einfaches Herumprobieren lösen lassen – bei einer geringeren Zahl an Schauplätzen und Möglichkeiten bietet sich diese Möglichkeit schlicht mehr an. Ob der Spieler dies für gut empfindet oder nicht, dürfte Geschmackssache bleiben. Grundsätzlich versprüht eine offene Spielewelt vielleicht einen größeren Reiz und verlängert das Spielgeschehen, andererseits vermeidet Harveys neue Augen durch sein Design frustrierende Rätsel, etwa durch blindes Suchen an unzähligen Schauplätzen, die über eine große Karte verteilt wurden. So jedoch bleiben in der Bilanz gut lösbare Rätsel, die zwar teilweise recht einfach sind, in der Summe aber einen guten Eindruck hinterlassen. Ergänzt werden diese Rätsel durch kleine gelegentliche Episoden in Minispiel-artiger Form, denen meist auch ein Rätsel zugrunde liegt und die insgesamt belebend wirken.

Was die Steuerung angeht, ist die Portierung auf die Konsole ebenfalls gut gelungen. Gerade auf der Switch hätte sich eine Steuerung via Touchscreen zwar sinnvoll angeboten, aber auch trotz Verzicht auf diese Möglichkeit steuert sich Harveys neue Augen gut. Kleinere Bugs, beispielsweise beim Kombinieren weniger unpassender Gegenstände oder einem sehr späten Minispiel, trüben hier und da das technische Gesamtbild. Im Verlauf meines Spiels ist das Spiel außerdem einmal abgestürzt – ein Umstand, der sich meinen Recherchen zufolge zumindest bei der Switch-Fassung nicht auf diesen einen Einzelfall bei mir beschränkt hat. Auch dies muss daher wohl auf der Liste der (kleinen) Bugs vermerkt werden.

Die akustische Untermalung ist ein großer Pluspunkt, der genannt werden muss, und sicherlich auch hauptverantwortlich für die sehr passende Stimmung. Sowohl die Sprecher als auch die Hintergrundmusik wissen absolut zu überzeugen und untermalen den bitterbösen Stil grandios. Bei der grafischen Gestaltung zeigt sich ein zwiespältigeres Bild: Kritisch angemerkt muss die Schriftgröße von Dialogen werden, die sowohl im Handheld-Modus als auch bei angeschlossener Konsole zu beobachten ist – auch wenn sie dank Sprachausgabe nicht stark ins Gewicht fällt – und ebenso bei manchen Minispielen zu beobachten ist. Geschmackssache bleibt darüber hinaus der simple Comic-Look – insbesondere die Animationen müssen objektiv gesehen allerdings als wenig flüssig angesehen werden. Auch das bleibt allerdings eine Frage des Geschmacks; dieses einfache Design scheint absolut bewusst als Stilmittel gewählt worden zu sein und wirkt auch im gesamten Zusammenhang nicht deplatziert oder unharmonisch, sondern eher passend angesichts des Nachmittags-Kinderprogramm-Trickfilm-Stils.

Pro & Kontra

thumbs-up-icon

Pro
  • Bitterböser schwarzer Humor
  • Logische, faire Rätsel
  • Großartige Sprachausgabe
  • Stimmige Atmosphäre

thumbs-down-icon

Kontra
  • Gelegentlich kleine Bugs
  • Teilweise sehr linear aufgebaut

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Spiel Bewertung
Singleplayer
84
84
Gut
-
Multiplayer

FAZIT

Harveys neue Augen steht und fällt mit dem Sinn des Spielers für schwarzen Humor. Lilli dabei zuzusehen, wie sie in friedfertiger Atmosphäre einen ganzen Haufen Leute mehr oder weniger direkt um die Ecke bringt, ist ganz einfach brüllend komisch – setzt aber eben auch voraus, dass der Spieler mit diesem Humor etwas anzufangen weiß. Eine uneingeschränkte Empfehlung für absolut jeden – und damit auch eine entsprechend sehr hohe Wertung – ist daher nicht möglich. Die Qualität der Rätsel ist im Allgemeinen gut bis sehr gut und in jedem Fall immer fair, wird erfahrene Adventure-Profis aber selten vor größere Probleme stellen. Unterm Strich bleiben 8-10 Stunden Spielzeit, die spielerisch gut sind, in denen ich sehr oft lachen musste und die ich subjektiv noch viel mehr Spielern weiterempfehlen würde, objektiv aber an mancher Stelle relativieren muss.

- Von  Roman

Playstation 4
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Nintendo Switch

Harveys neue Augen REVIEW

USK 0 PEGI 3

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