Bear With Me – The Complete Collection REVIEW

Bear With Me ist ein in drei Episoden aufgesplittetes Point & Click-Adventure des kroatischen Indie-Entwicklers Exordium Games. Die drei Episoden wurden zwischen dem 08. August 2016 (Episode 1) und dem 05.10.2017 (Episode 3) veröffentlicht. Überraschenderweise wurde am 31.Juli 2019 jedoch noch eine Prequel-Episode nachgeschoben, welche den Untertitel „The Lost Robots“ trägt. Das Komplettpaket in Form aller vier Episoden trägt letztendlich den Titel Bear With Me – The Complete Collection und ist auf Steam für 14,98 Euro zu haben. Da die erste Episode des Spiels kostenlos zur Verfügung gestellt wird, kann man sagen, das für jede kostenpflichtige Episode aufgerundet 5 Euro anfallen. Die Thematik des Spiels ist eine eigenwillige Mischung aus Film Noir-Parodie und Toy Story. Hier wird versucht das Noir-Genre auf humorvolle, kinderfreundliche, aber auch respektvolle Weise zu persiflieren, was dem Spiel auch gut gelingt. Aber ich greife vor. Was das Episoden-Adventure im Detail zu bieten hat, will ich euch im folgenden Test darlegen.

Film Noir meets Toy Story

Amber Ashfield ist ein 10-jähriges Mädchen mit einer gehörigen Portion Fantasie. Diese Vorstellungskraft ermöglicht es Kuscheltieren, Puppen, Spielzeugrobotern usw. ein eigenes Bewusstsein zu entwickeln und in einer Art Parallelwelt zu existieren, die von den Gedanken und Fantasien des jeweiligen Kindes aufrecht erhalten wird. Da Amber gerne davon träumt Detektiv zu sein, entwickelte sich die Welt ihrer Spielzeuge in eine düster-gräuliche Film-Noir-Welt.
Zu Spielbeginn erleidet Amber einen gruseligen Alptraum, in dem ein schwerer Brand wütete. Was genau es damit auf sich hat, kann Amber aber nicht mehr nachvollziehen. Außerdem hat sie gerade ohnehin andere Sorgen: Zum einen ist ihr großer Bruder Flint spurlos verschwunden, und zum anderen wird die Parallelwelt ihrer Spielzeuge von einem mysteriösem Brandstifter heimgesucht, welcher mit seinem knallroten Kapuzenumhang überhaupt nicht in diese düstere Film-Noir-Welt hineinpasst. Mit Unterstützung des hartgesottenen Privatdetektivs Ted I. Bär, welcher aus Ambers Teddybär entstanden ist, begibt sie sich auf Spurensuche. Es stellt sich schnell heraus, dass Flints Verschwinden und das Erscheinen von „Red“ irgendwie zusammenhängen. Um die Wahrheit herauszufinden begibt sich das Duo nach Paper City, der düsteren Heimatwelt von Ambers Spielzeugen.

Vor seinem Verschwinden befand sich Flint tatsächlich in Paper City, wo er dem brummeligen Ted I. Bär bei seiner Detektivarbeit assistierte. Ted hat den Auftrag angenommen die Entführungswelle der städtischen Roboter aufzuklären. Irgendjemand hat es auf die Blechbüchsen von Paper City abgesehen, aber warum? Als die Überreste eines Entführungsopfers am Fluss entdeckt werden, offenbart sich für Ted eine heiße Spur. Die Frage ist nur, warum Flint so niedergeschlagen ist? Ist irgendetwas mit Amber geschehen?

Die Handlung ist ganz nett und findet auf zwei Ebenen statt. Da hätten wir zum einen die Detektivgeschichten rund um Paper City. Diese decken diverse Film-Noir-Klischees ab, wie Korruption, organisiertes Verbrechen und zwielichtige Gestalten. Abgesehen davon gibt es aber auch die Hintergrundgeschichte um die beiden Kinder Amber und Flint. Man kann sich denken, dass den Kids irgendetwas unangenehmes widerfahren ist, was genau erfährt man aber erst zum Schluss von Episode 3. Aufgrund dessen könnte man ruhig auch erst mal die Prequel-Episode spielen, bevor man in die Hauptepisoden einsteigt. Auf der anderen Seite fühlt sich die Prequel-Episode etwas überflüssig an, wenn man bereits weiß, wo die Reise letztendlich hinführt. Denn dann wird „The Lost Robots“ handlungstechnisch nur noch von der Detektiv-Story um die entführten Roboter getragen.

Die Haupt- und Nebencharaktere sind größtenteils liebenswürdig, können aber auch manchmal nerven. Teds konstant negative und missmutige Sichtweise geht mit der Zeit genauso auf den Nerv wie Ambers altkluge, bockige Art. Aber dadurch erhalten die Beiden auch viel Persönlichkeit und es entsteht eine lebendige Chemie zwischen den zwei Protagonisten. Flint fällt da leider aus der Rolle, da er in seiner Episode die ganze Zeit bedrückt und passiv daherkommt. Dies ist aus handlungstechnischer Sicht zwar nachzuvollziehen, lässt seine Episode aber auch weniger witzig und dynamisch daherkommen wie Ambers. Ehrensache, dass es auch einen reichhaltigen Cast von Nebenfiguren gibt, welche allesamt diverse Film Noir-Klischees abdecken.

Der Humor vom Spiel ist sehr gelungen und lädt immer wieder zum grinsen und lachen ein. Kleinere Ausrutscher in Form der zerbrochenen vierten Wand oder Anspielungen auf Nicht-Noir-Filme und Videospiele trüben jedoch etwas den Gesamteindruck (war es wirklich notwendig ein Buch mit dem Titel Half-Life 3 in Flints Zimmer zu platzieren?). Glücklicherweise zielt der absolute Löwenteil des Humors darauf ab die alten Schwarz-Weiß Detektivschinken zu persiflieren. Da diese Filme ja eigentlich für Erwachsene gedreht wurden, mussten die Entwickler Kreativität walten lassen, um die harten Aspekte dieser Filme zu entschärfen. So säuft Ted keinen Alkohol, sondern Karottensaft, der Gewinn im Casino wird mit zwei Kugeln Eis belohnt und nach einem bleihaltigen Off-Screen-„Massaker“ werden die Opfer als zerfetzte Plüschtiere dargestellt. Nur gegen Ende von Episode 3 macht das Spiel eine Kehrtwende. Hier wird dem Film Noir die Treue gehalten und ein typisches Happy End verwehrt. Außerdem driftet Ambers Handlung in den Gruselbereich ab. Zu diesem Zeitpunkt wird dann auch der Humor fallengelassen, was aber auch in Ordnung ist, da das Spiel zum Schluss eine gute Moral vermittelt.

Eine Warnung noch zum Schluss: Das Spiel ist sehr dialoglastig – selbst für Adventure-Verhältnisse. Da man die meiste Zeit mit einem Duo unterwegs ist, muss man sich auch den Kommentar von zwei Personen geben. Und die Dialoge mit NPCs werden sehr gerne unnötig in die Länge gezogen. Stellenweise habe ich mich ertappt, wie ich die Dialoge einfach weggeklickt habe (zumindest diejenigen, die mir irrelevant erschienen), dabei ist so etwas eigentlich ein absolutes No Go für mich. Aber die Dialoglastigkeit in Bear With Me ist einfach zu stark ausgeprägt und soll wohl auch darüber hinwegtäuschen, dass das Gameplay nicht allzu viel Substanz aufweist.

Standard-Gameplay und schwankende Episoden-Qualität


Bear With Me ist ein absolutes Standard Point & Click-Adventure. Ihr dirigiert die vier spielbaren Charaktere Amber, Ted, Flint und Red mit Mausklicks durch die Gegend, untersucht Hotspots um Gegenstände einzusammeln, mit NPCs zu schwatzen oder Screenausgänge zu passieren. Gefundene Gegenstände werden in einem Inventarbehälter gehortet, wo man sie gegebenfalls untereinander kombinieren kann. Um diese Items letztendlich zu verwenden, muss man sie aus dem Behälter herausziehen und auf dem jeweiligen Hotspot oder Charakter anwenden, um somit Problemstellungen zu lösen und im Spiel voranzukommen.
Diese Inventarrätsel sind eigentlich immer logisch nachzuvollziehen und entsprechend leicht zu lösen. Außerdem ist die Spielwelt, trotz Stadtkarte (erst ab Episode 2), sehr linear strukturiert, so dass man nie viele Ortschaften zur Verfügung hat, die man erkunden kann.

Leider wurde versäumt eine Hotspotanzeige einzubauen, dennoch hält sich das Pixelhunting stark in Grenzen. Die Hotspots und Gegenstände haben meistens eine angemessen große Klickfläche und sind auch recht gut erkennbar. Lediglich in der Prequel-Episode bin ich etwas hängengeblieben, weil ich den blöden Benzinkanister erst nach etwas Sucherei gefunden habe – aber das war die einzige Ausnahme. Lobenswert ist der Doppelklick, mit dem man Ein- und Ausgänge abkürzen kann. Es gibt auch einen Karten-Button neben dem Inventarbehälter-Button, mit dessen Hilfe man direkt zur Stadtkarte gelangt, sofern dies möglich ist. Leider schlurfen die Spielfiguren nur im Schneckentempo durch die Screens, was bei den wenigen weitläufigen Screens etwas lästig ist und unnötig Zeit kostet.

Die vier Episoden weisen durchaus individuelle Eigenheiten auf. Episode 1 ist mit Abstand die kürzeste und einfachste. Episode 2 führt neben der Stadtkarte auch einige Choice & Consequenz-Entscheidungen ein, die jedoch keinerlei Einfluss aufs weitere Spiel nehmen und entsprechend überflüssig sind. Episode 3 führt einige nette Puzzle-Mechanismen ein (Schlosscodes knacken, Kabel richtig einstöpseln usw.), welche eine starke Bereicherung fürs Gameplay darstellen. Diese Puzzle können auch mal überraschend knifflig ausfallen und stellen somit einen krassen Kontrast zu den leichten Inventarrätseln dar, welche das Gameplay der vorherigen Episoden relativ langweilig machten. Die Prequel-Episode schafft es dann schlussendlich sogar noch einen vernünftigen Spielfluss aufzubauen. Hier wird eine gute Balance aus Dialogen, Inventarrätseln und Puzzle-Mechanismen geboten. Das ist ein nicht zu unterschätzender Pluspunkt, den die drei Hauptepisoden von Bear With Me leider nicht bieten können. Ich habe es zwar schon im letzten Testsegment gesagt, aber die ausufernden Dialoge tun dem Spiel nicht gut. Ein Mangel der leider zu spät gefixt wurde.

Grafik und Sound

Das Spiel setzt auf handgezeichnete 2D-Grafik, die aus naheliegenden Gründen in Schwarz, Weiß und Grautönen gehalten sind. Zwischendrin gibt es auch etwas rote Farbe, aber die taucht nur in Ausnahmefällen auf. Der Artstil ist niedlich und lässt sich leicht als europäisch identifizieren, was dem Spiel dabei hilft einen eigenen unverwechselbaren Look aufzubauen. Ab und zu gibt es Zwischensequenzen, die in Form von Comic-Paneelen gehalten sind und gut funktionieren. Da die Animationen innerhalb des Spiels eher minimalistisch sind und auch hin und wieder mit Schwarzblenden gearbeitet wird, um sich vor eben diesen Animationen zu drücken, kann die Grafik jedoch nicht vollends überzeugen. Unverständlich sind auch die Ladezeiten bei Szenenwechseln. Diese halten zwar immer nur ein paar Sekündchen an und stören nur minimal, sind jedoch aus rein technischer Sicht nicht nachzuvollziehen. Aufgrund dessen würde ich die Grafik des Spiels trotz ihres hohen Charmes auch nicht als gut bezeichnen wollen.

Ganz anders sieht es jedoch bei der Sprachausgabe aus. Die ist nämlich erste Sahne. Man merkt, dass die Entwickler viel Aufwand in eine hochwertige Synchronisation investiert haben. Jeder Sprecher war mit sichtlicher Motivation bei der Sache und obendrein wurde hier auch wirklich jeder Text synchronisiert. Tatsächlich war es die hochwertige Sprachausgabe im Trailervideo, die mich dazu motiviert hat den Testauftrag zu Bear With Me entgegenzunehmen. Ich muss jedoch klarstellen, dass es nur eine englische Synchronisation gibt, was angesichts der Teil-Zielgruppe von Kindern etwas unglücklich ist. Generell würde ich jedoch empfehlen das Spiel komplett auf Englisch zu spielen, denn die deutsche Textübersetzung lässt viel vom Wortwitz der englischen Synchronisation fallen und weist darüber hinaus auch einige Inhaltsfehler auf.
Zum Soundtrack kann ich leider nicht viel sagen, da mir eben dieser kaum aufgefallen ist. Lediglich der eigenwillige Themesong erweckt im Startbildschirm die Aufmerksamkeit des Spielers. Ich persönlich mochte diesen Song jedoch nicht. Glücklicherweise ist die Qualität der Sprachausgabe derart prägnant, dass man einen Soundtrack nicht groß vermisst. Und da in diesem Spiel sowieso sehr viel geredet wird, kommt man sich auch keineswegs wie in einem Schwarz-Weiß-Stummfilm vor.;)

Pro & Kontra

thumbs-up-icon

Pro
  • sehr cooles Grundkonzept (Film Noir meets Fantasiewelt á la Toy Story)
  • cleverer Humor mit sehr viel Wortwitz
  • bietet einige gute Rätselaufgaben in Episode 3 und The Lost Robots
  • hervorragende englische Sprachausgabe

thumbs-down-icon

Kontra
  • ist zu dialoglastig
  • keine Hotspotanzeige
  • einige der Anspielungen auf Filme und Videospiele wirken fehlplatziert und nervig
  • minimalistische Animationen und kleinere Ladezeiten trüben den Gesamteindruck
  • Achievements funktionieren nicht (kann natürlich noch gefixt werden)

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Spiel Bewertung
Singleplayer
71
71
-
Multiplayer

FAZIT

Es dauert nicht lange, ehe man feststellt, dass die kroatischen Entwickler bei ihrem ersten Point & Click-Adventure eher auf den Stil, als auf den Gameplay-Inhalt wert legten. Die coole Grundidee Film Noir mit dem Toy Story-Konzept zu kreuzen ist für sich alleine ja schon sehr interessant. Und Exordium Games haben einige wirklich witzige und intelligente Dialoge verfasst, um das eigenwillige Setting zu untermauern. Die Krönung kommt dann in Form einer tollen englischen Sprachausgabe, welche die zahlreichen Dialoge mit sehr viel Leben füllt. Auch der Artstil, Story und Charaktere fügen sich gut ins Gesamtpaket ein. Dummerweise haben sich die Entwickler jedoch etwas verzettelt, denn die Dialoge sind oftmals derart ausufernd, dass man durchaus die Geduld verlieren kann und einfach weiterklickt. Vielleicht wäre es da doch besser gewesen die Labereien zurückzuschrauben und stattdessen mehr Zeit ins Gameplay zu investieren. Dieses ist nämlich sehr dünn und oberflächlich, und kann keinerlei Akzente im Genre setzen. Zwar bessert sich das Spiel ab der dritten Episode, aber ein wirklich guter Spielfluss möchte eigentlich nur in der Prequel-Episode aufkeimen, welche jedoch unter einem suboptimalen Hauptcharakter leidet. Bear With Me ist dennoch ein gutes Spiel das Spaß macht und mit sichtlicher Liebe programmiert wurde. Einen bleibenden Eindruck sollte man jedoch nicht erwarten. Wer am Grundkonzept und Setting interessiert ist, darf ruhig einen Blick riskieren.

- Von  Volker

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Bear With Me – The Complete Collection REVIEW

USK 0 PEGI 3

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