The Fall: Mutant City REVIEW

Dumm gelaufen. Nachdem Silver Styles Mutterkonzern „The Games Company“ mitte 2010 Insolvenz anmelden musste, schien das Schicksal des Adventure-Ablegers zum taktischen RPG „The Fall: Last Days of Gaia“ besiegelt. Die laufenden Projekte „Das Schwarze Auge: Demonicon“ und The Fall: Mutant City wurden an andere Unternehmen abgetreten. Silver Style Entertainment wurde in Silver Style Studios umbenannt und dazu verdonnert ein Free2Play-MMORPG mit Das Schwarze Auge-Lizenz zu programmieren. Mutant City verstaubte derweil fröhlich in der Schublade von F+F Publishing. Zumindest bis zum 28. November 2011, als Mutant City auf einmal ohne großes Brimborium auf den Markt gebracht wurde. Inwiefern der neue Publisher in der Zwischenzeit an dem Spiel herumgebastelt hat ist nicht bekannt. Als Entwickler wird einzig Silver Style Entertainment angegeben, die jedoch seit anderthalb Jahren nichts mehr mit dem Produkt zu tun hatten. Klingt merkwürdig und nicht sonderlich vertrauenserweckend. Ob aus dem ganzen Firmen-Hickhack dennoch ein brauchbares Spiel herausgekommen ist, wollen wir uns trotzdem mal näher anschauen.

Vom Regen in die Traufe oder besser gesagt: Vom Ödland ins Wespennest

In Mutant City übernimmt man die Rolle eines namenlosen Raiders, der sich an der Wüstenruhr angesteckt hat. Einer gefährlichen Krankheit, die ihn über kurz oder lang dahinraffen wird. Um den Tod zu entgehen hat er den weiten Weg zur nächstgelegenen Biosphäre aufgenommen. Biosphären sind kuppelförmige Bauwerke, die den überlebenden Menschen Schutz vor den Widrigkeiten des Ödlandes bieten und somit die letzten Bastionen der menschlichen Zivilisation darstellen sollen. Unser tätowierter Miesepeter erhofft sich medizinische Hilfe bzw. Medikamente in der Biosphäre zu erlangen und wählt den rabiaten Weg durch die „Hintertür,“ da er sich als Anführer einer brutalen Raider-Gang keineswegs an der Vordertür blicken lassen kann. In der Biosphäre angelangt stellt sich jedoch recht bald die Ernüchterung ein. Die dortige „Stadt“ wirkt eher wie ein heruntergekommener Schrottplatz und zu allem Übel herrscht Krieg zwischen den ortsansässigen Menschen und den von ihnen versklavten Schatten-Mutanten. Ein Schatten der sich selbst als Prophet bezeichnet hat seine Artgenossen zur Rebellion gegen die Menschen angestachelt, wodurch sich die Machtverhältnisse um 180° gedreht haben. Als Mensch steht der Raider ebenfalls auf der Abschussliste, was sein Ziel lebensrettende Medikamente aufzustöbern natürlich erheblich erschwert. Zum Glück stößt er recht bald auf Henry Leicester, dem Anführer der hiesigen Menschen. Dieser bietet rettende Medikamente an, wenn sich unser Antiheld dazu bereiterklärt sich am Guerillakrieg gegen die Schatten zu beteiligen. Doch ist dem zwielichtigen Leicester wirklich zu trauen?

Also einem Kenner des Vorgängers (wie mich) fällt es natürlich nicht schwer sich in die Story einzufinden. Ich weiß was eine Biosphäre oder ein Schatten-Mutant sein soll. Und ich kenne auch die Hintergrundgeschichte der Spielwelt. Wer The Fall: Last Days of Gaia jedoch nicht (durch)gespielt hat guckt wohl ein bissel dumm aus der Wäsche. Das Spiel erklärt nämlich nichts von alledem. Auch das Handbuch, welches ohnehin nur aus einem einzelnen gefalteten Blatt besteht, hilft da nicht sonderlich weiter. Im Gegenteil! Da wird irgendwas von einem nuklearen Fallout gefaselt, was jedoch schlicht falsch ist, da das Ödland in der The Fall-Historie durch extreme Erderwärmung nach einer Sabotage an CO₂-Mars-Terraformern entstand und nicht durch einen Atomkrieg. Aber auch ein Last Days of Gaia-Spieler wird mit nervigen offenen Fragen zurückgelassen: Handelt es sich um dieselbe Biosphäre wie im Vorgänger? Zu welchem Zeitraum spielt das Spiel? Vor, nach oder parallel zur Handlung von Last Days? Die eigentliche Story des Spiels ist zwar gut gelungen und in sich schlüssig und abgeschlossen, doch hätte man das Ganze für die Spieler des Vorgängers interessanter gestalten sollen. Immerhin wird Mutant City als „offizielle und packende Fortsetzung“ von Last Days of Gaia vermarktet…

Was mir wiederum richtig gut gefallen hat, sind die beiden Hauptcharaktere! Ein todkranker Raider ist schon ein sehr ungewöhnlicher Protagonist, vor allem für ein P&C-Adventure. Man hat es auch tatsächlich hinbekommen diesen Kerl so darzustellen, dass sein Hintergrund glaubhaft wirkt ohne ihn jedoch als durch und durch herzloses, blutrünstiges Monstrum erscheinen zu lassen. Im Grunde genommen ist er nur ne arme Sau, die versucht in einer kaputten Welt zu überleben. Das ändert aber nichts dran, dass er bereit ist für seine Medikamente über Leichen zu gehen – und zwar ohne mit der Wimper zu zucken.

Richtig interessant wird’s dann allerdings, wenn der weibliche Sidekick Allison Stern, ins Spiel kommt. Auf einmal wird der Protagonist mit sehr unangenehmen Extremsituationen konfrontiert. Wird er zulassen, dass Allison vor seinen Augen vergewaltigt wird? Wird er ihr helfen den Konflikt in der Stadt beizulegen? An diesem Punkt erhält man dann auch einen kleinen Einblick, was für ein Mensch sich wirklich hinter dem Schutzmantel des abgehärteten Mistkerls verbirgt. Ich war ehrlich begeistert darüber in so einem kleinen Insolvenz-Krüppelchen derlei Höhepunkte zu entdecken! Allison selbst ist eigentlich nur ein idealistisches, naives und vorlautes Mädel und stellt damit einen interessanten Kontrast zum Raider dar. Klar, dass da einige unterhaltsame Dialoge zwischen den Beiden für etwas Auflockerung sorgen.

Im Ödland nichts Neues

In Mutant City treibt man dasselbe, was man auch in anderen Point & Click-Adventures macht. Mit den Maustasten klickt man sich durch schicke Renderscreens um die Umgebung zu erforschen, Gegenstände aufzusammeln oder Konversationen mit NPC’s zu betreiben. Gesammelte Items lassen sich untereinander kombinieren und müssen an korrekten Hotspots angewendet werden, um diverse Problemstellungen zu überwinden. Wenn man mal nicht weiterweiß, dann hilft der sogenannte „Survival Guide,“ ein Questlog mit integrierter Hilfefunktion, welches genauso funktioniert wie jenes aus Everlight (was nicht verwundert, da beide Spiele von Silver Style stammen). Eine Hotspotanzeige darf freilich auch nicht fehlen.

Hapern tut es an der Laufgeschwindigkeit der Spielfigur. Der Hauptcharakter schleicht leider ziemlich lahmarschig durch die Bilder und kann nicht rennen. Da die Screens auch mal etwas weitläufiger ausfallen können, ist dieser Umstand ein recht großer Nervfaktor. Aber immerhin ergibt es Sinn aus Sicht der Handlung, schließlich ist der Kerl ja tödlich erkrankt und in dem Zustand ist nichts mit Jogging.

Das Rätseldesign basiert fast ausschließlich auf Inventarrätseln. Gegen Ende darf man dann noch eine Wache per Multiple-Choice-Dialog wegschwafeln und einen Tresor mittels dreistelligem Zahlencode öffnen (welcher nicht schwer zu finden ist). Der Schwierigkeitsgrad fällt generell ziemlich niedrig aus, wer eine Adventure-Herausforderung sucht, sollte sich also besser anderswo umschauen.

Die zwei großen Kritikpunkte an diesem Spiel sind einerseits die extrem kurze Spieldauer von ca. 2-3 Stunden, sowie das damit einhergehende schlechte Preis-Leistungsverhältnis. Seinerzeit war das Spiel mit 20 € leider recht teuer für die dargebotene Spielzeit. Dieser Kritikpunkt entfällt aber zum Zeitpunkt wo ich diese Zeilen schreibe. Ich persönlich habe das Game für unter 5 € als Neuware erworben und war mit dem, was mir dafür geboten wurde vollauf zufrieden. Weitere Worte zu diesem Thema und der harschen Wertungspolitik der lieben „professionellen“ Kollegen von der Fachpresse, spare ich mir fürs Fazit.

Erwähnenswert ist noch, dass Mutant City ursprünglich einen Tag- und Nacht-Modus beinhalten sollte (auch hier ist ein Vergleich mit Everlight angebracht). Dieser wurde jedoch aus naheliegenden Gründen, die ich bereits in der Einleitung dargestellt habe, gestrichen. Was man jedoch versäumt hat, ist den entsprechenden inaktiven Button aus der Inventarleiste zu entfernen (ich vermute zumindest, dass Button und Tag/Nacht-Modus miteinander zusammenhängen). Hier hätte sich F+F Publishing nun wirklich mal etwas Mühe geben können und die Spuren nicht fertiggestellter Gameplay-Inhalte beseitigen sollen. Oder noch besser: Man hätte das Spiel in Eigenregie vervollständigen können, statt die überteuerte Rohfassung rauszuhauen!

Grafik, Sound und weiteres

Hier gibt es eigentlich nichts zu meckern. Die Renderscreens sehen toll aus und verbreiten eine gelungene Ödland-Atmosphäre. Die Charaktere werden in absolut überzeugenden Cell-Shading-Stil dargestellt. Mir ist erst nach einer Weile aufgefallen, dass Cell-Shading angewandt wurde, so gut wurden die Spielfiguren gestaltet! Schön auch, dass man sich nicht davor gesträubt hat diverse Aktionen grafisch zu animieren. Wenn ein Truck gegen eine Wand donnert, unser Raider mit einem improvisierten Wurfhaken arbeitet oder jemanden von hinten absticht, dann bekommt man das auch optisch zu sehen. Leider wird an manchen Stellen auch mit den seit Geheimakte 3 berüchtigten „Schwarzblenden“ gearbeitet. Gewisse Ereignisse wie eine Explosion, das wegmetzeln eines niedlichen Müllhörnchens oder ein rabiates Gefecht gegen feindliche Soldaten werden entweder ausgeblendet oder nicht direkt gezeigt. Auch hier vermute ich, dass sich der neue Publisher nicht bemüht hat zusätzliche Arbeit zu investieren, weswegen man nur ein halbfertiges Produkt vorliegen hat. Dennoch fällt der Gesamteindruck für die Grafik sehr positiv aus, zumal das Spiel auch höhere Auflösungsstufen unterstützt. Bei mir lief es jedenfalls unter 1680×1050 Bildpunkten.

Beim Soundtrack hat man sich keine große Mühe gegeben. Es werden eine Hand voll Ambient-Stücke verwendet, die bereits aus Last Days of Gaia bekannt sind. Eins, zwei neue Tracks mögen dabei sein oder auch nicht. Aber wie dem auch sei, die Tracks passen nach wie vor hervorragend zum Setting, also kann man sich nicht wirklich beschweren. Die Sprachausgabe ist hervorragend gelungen und kann locker mit den Großen des Genres mithalten.

Mutant City läuft stabil und bugfrei. Negativ aufgefallen ist mir nur der Installationsprozess. Der Installationsbalken hat bei mir keinen Fortschritt angezeigt, als ich dann nach ner Weile entnervt auf das kleine Installationsfensterchen geklickt habe, hieß es auf einmal die Installation sei erfolgreich abgeschlossen – total seltsam. Aber egal, abgesehen davon gabs in technischer Hinsicht ja keinerlei Probleme, und Patches braucht man hier (im Gegensatz zum Vorgänger) auch keine.

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Singleplayer
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Multiplayer

FAZIT

Also fassen wir mal kurz zusammen: Das Spiel bietet schöne Grafik, tolle Sprachausgabe, solides Gameplay (wenn auch mit zu niedrigem Schwierigkeitsgrad), eine nette Ödlandgeschichte und einen wirklich toll dargestellten Hauptcharakter! Klingt das nach einem Schrottgame, welches Wertungen im 30-49%-Bereich verdient hätte? Nein? Exakt! Sicher, Mutant City ist viel zu kurz und war seinerzeit auch viel zu teuer für 2-3 Stündchen Spielspaß. Rechtfertigt dies jedoch böse Worte und krampfhafte Niedrigstwertungen? Meiner Meinung nach nicht! Gibt es noch einen anderen Extrem-Kritikpunkt am Spiel abgesehen von Spieldauer und Preis-Leistungsverhältnis? Mir ist zumindest keiner aufgefallen. Sorry, aber ein Spiel muss schon härtere Dinge auffahren, um als echtes Rotzspiel gebrandmarkt zu werden. Manchmal hab ich den Eindruck einige Leute haben vergessen wie schmerzhaft wirklich schlechte Games sein können und hacken stattdessen auf einem wehrlosen kleinen Insolvenzkrüppel herum. Jener Krüppel schlägt sich dabei aber überraschend tapfer und versprüht mehr Charme als so manch anderes überhypte Konkurrenzprodukt (nein, ich hab keine Lust schon wieder Namen zu nennen). In diesem Sinne: Danke für eure Aufmerksamkeit und hört nicht auf jeden Mist den die Fachpresse von sich gibt!

- By  Volker

MS Windows

The Fall: Mutant City REVIEW

USK 16 PEGI 16

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